Häusliche Gewalt ernst nehmen – alle Betroffenen sehen

Warum Prävention, Schutz und Hilfe bei häuslicher Gewalt nicht an Geschlechtergrenzen enden dürfen.

Häusliche Gewalt ist ein hochsensibles Thema. Sie betrifft Menschen unabhängig von Geschlecht, Alter oder sozialem Hintergrund. Gerade deshalb braucht es eine Debatte, die differenziert, faktenbasiert und offen geführt wird – ohne Betroffene gegeneinander auszuspielen und ohne einzelne Opfergruppen auszublenden.

Auf der Tagesordnung des Rates stand ein Antrag, der seinen Schwerpunkt auf Gewalt gegen Frauen und Mädchen legt. Da der Antrag auf der Konsensliste stand, wurde er in der Sitzung nicht einzeln aufgerufen. Einen vorbereiteten Redebeitrag konnte ich daher nicht vortragen. Wäre der Antrag im Rat zur Beratung aufgerufen worden, hätte ich mit folgender Rede deutlich gemacht, dass das Thema nicht einseitig betrachtet werden darf:

Das Anliegen ist legitim, notwendig und wichtig. Gewalt gegen Frauen bleibt eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen, der wir entschieden begegnen müssen. Gleichzeitig müssen wir häusliche Gewalt umfassend betrachten – und dazu gehört auch der Blick auf Männer und Jungen als Opfer.

Ein blinder Fleck in der öffentlichen Wahrnehmung

Die öffentliche Wahrnehmung konzentriert sich bei häuslicher Gewalt häufig auf Frauen als Opfer und Männer als Täter. Diese Perspektive bildet einen wichtigen Teil der Realität ab, aber eben nicht die ganze. Auch Männer und Jungen erleben Gewalt in Partnerschaften oder innerhalb der Familie. Ihr Leid wird jedoch noch immer zu selten gesehen, benannt und ernst genommen.

Das Bundeslagebild Häusliche Gewalt 2024 zeigt: Mehr als jede vierte betroffene Person ist männlich. Insgesamt brachten 78.814 männliche Personen im Jahr 2024 Gewalt im partnerschaftlichen oder innerfamiliären Bereich zur Anzeige. Diese Zahlen sind keineswegs marginal, zumal sie nur das sogenannte Hellfeld erfassen – also Fälle, die überhaupt bei der Polizei bekannt werden.

Noch deutlicher wird das Problem beim Blick in das Dunkelfeld. Eine repräsentative Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen kommt zu dem Ergebnis, dass 54,1 Prozent der befragten Männer mindestens einmal in ihrem Leben von Partnerschaftsgewalt betroffen waren. Dazu zählen körperliche, psychische, sexualisierte und digitale Gewalt ebenso wie Kontrollverhalten. 32,5 Prozent berichteten sogar, von zwei oder mehr dieser Gewaltformen betroffen gewesen zu sein.Hilfesysteme müssen der Realität gerecht werden
Besonders problematisch ist die strukturelle Unterversorgung männlicher Opfer. Während es zu Recht ein breiteres Netz an Hilfe- und Schutzangeboten für Frauen gibt, stehen Männern bundesweit nur sehr wenige Schutzplätze zur Verfügung. Im Jahr 2025 gab es lediglich 13 Männerschutzwohnungen mit insgesamt 47 Plätzen sowie drei geschlechtsunabhängige Schutzwohnungen mit fünf weiteren Plätzen. Insgesamt sprechen wir also von 52 Plätzen für Männer bundesweit. Das steht in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Bedarf.

Auch der WEISSE RING macht inzwischen deutlich auf dieses Thema aufmerksam und stellt klar: „Auch Männer werden verletzt und geschlagen.“ Das ist ein wichtiges Signal. Denn Hilfe darf nicht davon abhängen, ob ein Opfer in ein gesellschaftliches Rollenbild passt.

Keine Konkurrenz der Opfergruppen

Mir ist wichtig: Es geht nicht darum, Gewalt gegen Frauen zu relativieren. Frauen und Mädchen brauchen Schutz, Beratung und entschlossene politische Unterstützung. Es geht vielmehr darum, den Blick zu erweitern. Gewaltprävention und die Arbeit mit Täterinnen und Tätern können nur dann nachhaltig wirken, wenn wir Gewalt in all ihren Formen betrachten und keine neuen blinden Flecken schaffen.
Gewalt ist keine Frage einfacher Geschlechterrollen. Sie ist eine Frage von Verantwortung, Schutz und Hilfe für Betroffene. Deshalb sollten politische Anträge und Maßnahmen sprachlich wie inhaltlich so formuliert sein, dass sie alle Opfer ernst nehmen und niemanden ausschließen.

Warum ich mich enthalten hätte

Da der Antrag auf der Konsensliste stand und nicht einzeln beraten wurde, kam es nicht zu einer Aussprache im Rat. Wäre der Antrag aufgerufen worden, hätte ich in meiner Rede erklärt, dass ich nicht gegen ihn stimmen würde, weil das Anliegen grundsätzlich richtig ist. Eine Ablehnung wäre aus meiner Sicht das falsche Signal gewesen. Aufgrund der einseitigen Darstellung, die Gewalt nahezu ausschließlich Frauen und Mädchen als Opfer zuordnet, hätte ich mich jedoch enthalten.
Gerade beim Thema Gewalt müssen wir offen, ehrlich und inklusiv sein. Wir dürfen keine Geschlechterstereotype verfestigen und keine Betroffenengruppe ausblenden. Nur wenn wir Gewalt gegen alle Betroffenen ernst nehmen, können Prävention, Schutz und Hilfe wirklich wirksam sein.

Bildquellen

  • Ratssitzung_2026: Heiko Meins | All Rights Reserved
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